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Was ist Bargeldabschaffung und wieso warnen alle davor?

Seit einigen Jahren taucht der Begriff Bargeldabschaffung in den Medien auf. Viele Politiker sind dafür, noch mehr Digitalisierungsaktivisten, Banker, Händler. Doch was steckt eigentlich dahinter und warum zieht jede Meldung eine gigantische Schar von Kritikern nach sich?

Was genau ist Bargeldabschaffung?

Genau das, was der Name impliziert. Eine Volkswirtschaft entfernt Bargeld aus dem Zahlungsverkehr. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird damit meist nur gemeint, dass Bargeld komplett abgeschafft wird. Teilweise greift der Begriff aber auch schon dann, wenn es beispielsweise Obergrenzen gibt oder bestimmte (meist hohe Scheine oder niedrige Münzen) abgeschafft werden – also eine Art Abschaffung light.

Was soll das bringen?

Nun, Befürworter haben viele Argumente auf Lager. Eines der wichtigsten ist, dass Bargeld selbst eine ganze Menge Geld kostet. Es muss aufwendig hergestellt werden, braucht immer wieder Fälschungsschutz-Updates, muss bei Lagerung und Transport teuer geschützt werden. Dabei kommen alljährlich gewaltige Summen zusammen, welche sowohl den Staat als Hersteller belasten wie die Banken und auch Unternehmer.

Insgesamt kostet die Herstellung eines niedrigen Euroscheins rund acht Cent. Was das bei den Mengen, die jährlich neu hergestellt werden müssen, ausmacht, kann man sich ausrechnen. Doch die Pro-Argumente gehen noch weiter:

  • Einer ganzen Bandbreite an kriminellen Handlungen, die sich auf Bargeld stützen (vom Handtaschendiebstahl bis zur Steuervermeidung) würde das Wasser abgegraben
  • Zahlvorgänge im Alltag würden erheblich beschleunigt.
  • Durch Negativzinsen könnte Geldpolitik vollkommen zum Wohl eines Staates gestaltet werden, ohne Möglichkeit, sich dem zu entziehen.
  • Bargeld ist, weil es durch so viele Hände wandert, eine stark keimbelastete Angelegenheit, die alljährlich für eine bislang nur schätzbare Anzahl unterschiedlichster Krankheiten verantwortlich ist.

Wäre das technisch denn ohne weiteres möglich?

Absolut. Wir können mittlerweile auf ein schier bodenloses Füllhorn an alternativen Zahlungsmöglichkeiten zurückgreifen. Derzeit finden sich etwa Google- und Apple-Pay in der Durchsetzungsphase in Deutschland. Eine einfache, komfortable und relativ sichere Alternative, die jeder auf seinem Smartphone einrichten kann.

Rechnet man dann noch EC- und Kreditkarten usw. hinzu, wäre es bereits zum heutigen Zeitpunkt, ohne dass man etwas Neues erfinden oder einführen müsste, bereits möglich, Bargeld abzuschaffen.

Hat das schon mal jemand probiert?

Wirklich vollzogen hat das noch niemand. Allerdings gibt es einige Nationen, die auf dem allerbesten Weg in Richtung bargeldloses Leben sind. Vorreiter sind aktuell die Schweden. Hier gibt es schon heute immer weniger Läden, die überhaupt Bargeld annehmen; bis zum Ende der 2020er soll der Wandel vollzogen sein.

Selbst kleine Bezahlvorgänge im öffentlichen Leben werden da per App oder Bezahl-SMS übernommen. Gefördert wurde dieser Wandel in den schwedischen Köpfen auch durch die Bankenindustrie. Dort wurde vor einigen Jahren ein Slogan herausgegeben. Übersetzt lautet er:

            „Die Einzigen, die dein Bargeld brauchen, sind Verbrecher und deine Oma

Damit soll einerseits darauf abgehoben werden, dass Bargeld immer auch Kriminelle anlockt und andererseits, dass es in der heutigen Zeit altmodisch sei.

Generell sind die europäischen Nordlichter gut dabei, was die Bargeldabschaffung anbelangt. Ob Norwegen, Schweden oder auch Dänemark, überall beträgt der Anteil an Bargeld am Bruttoinlandsprodukt keine zwei Prozent mehr.

Würde das denn nicht den perfekten „Gläsernen Bürger“ erschaffen?

De facto ja. Genauer gesagt ist das auch das mit Abstand gewichtigste Argument gegen eine Abschaffung von Bargeld. Denn natürlich sähe es so aus, dass in diesem Fall alles, was jemand mit seinem Geld anstellt, nachvollziehbar wäre.

Nehmen wir mal an, jemand bekommt heute Gehalt. Dessen Eingang läuft über die Bank, wird dort digital vermerkt. Doch sobald man sich am Geldautomaten Scheine zieht, wird es vollkommen unkontrollierbar, was jemand damit macht.

Ohne Bargeld indes wäre man gezwungen, von A bis Z auf nachvollziehbare Zahlungsmethoden zu setzen. Nichts wäre mehr anonym, alles könnte vom Staat, von Kriminellen, von undurchsichtigen Konzernen ganz genau nachverfolgt werden.

An dieser Stelle würde der Bonus der Verbrechensbekämpfung ins genaue Gegenteil verkehrt. Denn es gibt grundsätzlich mehr unbescholtene, gesetzestreue Bürger, die durch eine Bargeldabschaffung ebenso transparent gemacht würden, wie es Kriminelle gibt, bei denen das durchaus Sinn machen würde.

Aber gibt es denn nicht auch bargeldlose Kriminalität?

Exakt, die gibt es. Ob es sich nun um Skimming beim Nutzen von Karten handelt, um Passwortklau, oder Phishing. Dadurch, dass bargeldlose Zahlmethoden sowieso bereits so weit verbreitet sind, haben sich auch die Verbrecher längst angepasst.

Insgesamt, so vermuten es Experten, würde Bargeldabschaffung nur einen geringen Prozentsatz der Geldkriminalität insgesamt beenden, weil die Verbrecher dann einfach umsatteln würden.

Wäre das nicht auch ein perfektes Mittel, um Kritiker mundtot zu machen?

An diesem Punkt muss man etwas vorsichtig sein, um nicht ins Reich der Verschwörungstheorien abzudriften. Aber, ja, wenn es keine Möglichkeit mehr gibt, mit einem physisch vorhandenen Zahlungsmittel zu kaufen, wäre es natürlich möglich, jemanden praktisch abzuschalten.

Das ist zwar in der heutigen Bundesrepublik kein wirkliches Szenario. Aber in einer Diktatur wäre es das ultimative Mittel. Wer da nicht der Staatslinie folgt, könnte einfach seine Karten usw. gesperrt bekommen und wäre ohne jede Alternative.

Würden Gesellschaften dann nicht zu alternativen Währungen tendieren?

Eine gute Frage, sogar mit historischem Vorbild. In den ersten Nachkriegsjahren, als die alte Reichsmark gar nichts mehr wert war, aber die D-Mark noch nicht eingeführt worden war, etablierten sich alternative Währungen, ganz besonders die Zigarettenwährung – also Fluppen gegen Waren.

Und es ist anzunehmen, dass selbst eine europaweite Bargeldabschaffung (was definitiv nicht in Sicht ist) ähnliches auslösen würde. Ob das nun Gold wäre, Kronkorken oder irgendetwas anderes, steht in den Sternen.

Aber Tatsache ist, dass der Mensch immer dazu neigt, seine Werte in etwas Physisches zu legen. Dass es eine wirkliche digitale Alternative gibt, ist zwar bislang in der Geschichte noch ohne Beispiel, würde mutmaßlich daran aber nichts ändern. Zumal selbst ein Verbot solcher Alternativwährungen nichts bringen würde.  

Fazit

Eine Bargeldabschaffung ist sicherlich nicht das Allheilmittel, das ihre Befürworter daraus machen. Tatsächlich wäre es eine Holzhammermethode, die sehr viele unfaire und falsche Nebenwirkungen hätte. Allerdings muss auch klar sein, dass uns sowas mittelfristig auch gar nicht bevorsteht, das fordert aktuell keine Partei.

Klar kann und darf man digitale Zahlmethoden nutzen. Aber man sollte seine zerknüllten Euroscheine, angelaufenen Münzen ab und zu auch mal mit anderen Augen betrachten, denn sie sind immer auch ein Stück Freiheit.

Bildquelle:
Unsplash.com © Sharon McCutcheon

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